Journalistennetzwerk hostwriter soll bei Recherchen Hilfestellung sein

Journalistennetzwerk hostwriter soll bei Recherchen Hilfestellung sein

München, Hamburg, Berlin – die drei Medienstandorte in Deutschland. Und genau aus denen kommen die drei Macherinnen von Hostwriter auch her: Tabea Grzeszyk, Tamara Anthony und Sandra Zistl wollen im Mai ihre gemeinnützige Journalistenplattform auf den Markt bringen. Das Konzept von Hostwriter haben wir auf der Seite www.ramonaschittenhelm.de bereits vorgestellt.

Das Ziel von Hostwriter ist es, mehr Zusammenhalt unter den Journalisten weltweit zu schaffen.Kennen gelernt haben sich die drei Gründerinnen über das journalists.network e. V. (jn). Dazu kommen eigene Recherche-Reise-Erfahrungen, die in dieses Projekt natürlich direkt einfließen. Aber. Was ist besser, anders und vor allem notwendig, da es durch journalists.network und diverse soziale Netzwerke ja bereits Verbindungsmöglichkeiten für Journalisten gibt?

Sandra: Journalisten können sich zwar auch jetzt schon vernetzen und tun dies auch. Der Ansatz von hostwriter ist jedoch einerseits globaler, andererseits exklusiver. Globaler insofern, als bestehende institutionalisierte Netzwerke wie Vereine, Genossenschaften oder andere Institutionen auf Länder, Sprachräume oder Themengebiete beschränkt sind. hostwriter bildet eine Art neues Dach für diese – weltweit und für jedes Thema. Es institutionalisiert, vereinfacht und beschleunigt die Kontaktaufnehmen mit Kollegen. Wenn eine Organisation Partner von hostwriter.org ist, kann man bei Bedarf auch direkt nach jemandem suchen, der neben seiner fachlichen Kompetenz auch Mitglied oder Alumni einer bestimmten Organisation ist.

Gleichzeitig ist die Vernetzung über hostwriter insofern exklusiver, als wir im Gegensatz zu Gruppen in sozialen Netzwerken sehr genau hinsehen, wer Mitglied wird. Zugang gibt es nur für Publizierende, die wirklich journalistisch arbeiten.

Durch Einzelfallprüfungen öffnen wir hostwriter auch für Kollegen, die in Ländern oder Regionen tätig sind, in denen Journalisten aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht organisiert sind – oder der organisierte Journalismus nicht unter Bedingungen der Meinungsfreiheit arbeitet.

Besteht hier nicht gleichzeitig auch die Gefahr, dass sich Journalisten gegenseitig die Storys abgraben oder Verlage hierauf zugreifen um ‚Storys zu Dumping-Preisen‘ zu bekommen und man so den Journalismus als Existenzgrundlage kaputt macht?

Sandra: hostwriter.org basiert auf dem Grundgedanken der Kooperation. Das halten wir nicht für einen frommen Traum, sondern für gelebte Realität. Auch unter Freien. Die vielen Recherchereisen von journalists network e.V. haben gezeigt, dass wir uns, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, nicht die Themen streitig machen müssen und dass oft sogar bessere Ergebnisse erzielt werden, wenn man sich bei der Recherche zusammentut. Wie genau die Absprachen unter Kollegen laufen, die sich über hostwriter finden, bleibt jedem selbst überlassen. Es ist möglich, gemeinsam eine Story zu recherchieren, die jeder in seinen Medien oder seinem Land verkauft, oder eine gemeinsame Geschichte zu erzählen, die man mehreren Medien in unterschiedlichen Ländern verkauft. Das hostwriter-Prinzip kann aber auch bedeuten, einfach für eine aktuelle Recherche auf schnellem und verlässlichen Weg den richtigen Ansprechpartner zu finden. Die gemeinnützige Plattform hostwriter funktioniert wie jedes Gemeinwesen: Gebe ich heute etwas (beispielsweise einen Kontakt), bekomme ich morgen von einem anderen Mitglied selbst etwas (einen Kontakt, den ich brauche).

hostwriter heißt jedoch nicht Billigjournalismus oder Geschichten für 0 Cent. Wer sich für eine kollaborative Recherche für denselben Auftraggeber entscheidet oder einen Stringer beauftragt, muss vorher eine faire Aufteilung des Honorars vereinbaren. Die Plattform ist kostenlos, aber wenn man journalistische Dienste in Anspruch nimmt, müssen die natürlich außerhalb der Plattform verhandelt werden.

Wir sind sehr gespannt, in welchem Maße Verlage und Sender hostwriter nutzen werden. hostwriter basiert schon auch auf dem Vertrauen, dass Kollegen, die mit anderen Kollegen kooperieren, dies auf Augenhöhe tun und einander nicht ausnutzen. Wir haben dafür auch einen Code of Ethics aufgesetzt, der Richtlinien für das Miteinander vorgibt. Sollten Sender oder Verlage hostwriter massiv nutzen, denken wir auch über ein mögliches Zahlmodell nach. Für die einzelnen Mitglieder ist und bleibt hostwriter gratis.

Was genau ist nun also das Ziel, das Ihr mit Hostwriter verfolgt?

Sandra: In Zeiten, in denen Redaktionen immer mehr sparen und Korrespondenten für immer größere Gebiete zuständig sind, schaffen wir eine Struktur, die fundierte Recherche ermöglicht. Das ist ein Ansatz, den wir auch mit journalists network e.V. verfolgen. Dort wird die Teilnahme an Gruppenreisen als Stipendium vergeben. Die Destination ist vorgegeben, der Vorlauf beträgt mehrere Monate. hostwriter ist der individuellere Ansatz: Finde JETZT die Story, den Kollegen, die Übernachtungsmöglichkeit für DEINE Recherche. Gleichzeitig füllt hostwriter.org eine Lücke, die sich ergeben hat: Während sich Wirtschaft und Politik immer mehr globalisiert haben, hinkt der Journalismus hinterher. Viele Geschichten können aber heute nur global gedacht und erzählt werden.

Die Medienbranche ist – eigentlich schon seit Jahren – im Wandel. Immer häufiger werden Journalisten mit Mini-Honoraren abgespeist. Texte von PR-Agenturen kostenfrei abgedruckt. Lohnt sich da denn überhaupt noch eine grenzübergreifende Recherche zu bestimmten Themen?

Sandra: Wie gerade schon gesagt: Viele Geschichten können gar nicht mehr national gedacht und erzählt werden. Dieser Trend wird sicher nicht weniger werden, sondern mehr. Redaktionen werden deshalb in Zukunft nicht darum herumkommen, die fundierten Geschichten abzunehmen. Leser, Zuhörer und Zuschauer gewinnt der, der sich von den anderen durch die besseren Geschichten abhebt. Insofern ist die Antwort auf Ihre Frage: Ja, absolut!

Nimmt man das Beispiel „Auslandskorrespondent“: der ist – in der Regel freiberuflich unterwegs und stellt Verlagen Berichte Videos oder Hörfunkbeiträge zur Verfügung. Wie kann der denn konkret von Hostwriter profitieren?

Sandra: Für freie Auslandskorrespondenten gilt das Gleiche wie für festangestellte: hostwriter hilft ihnen, die passenden Kontakte und Partner am Ort ihrer Recherche zu finden. Bisher läuft das informell ab: Jeder baut sich sein eigenes Netzwerk auf. Wenn etwas an einem Ort passiert, an dem man noch niemanden hat, verzögert das die Recherche. Über hostwriter öffnen sich die ersten Türen durch ein paar Klicks. Wenn es um aktuelle Geschichten geht, kann das auch bedeuten, dank hostwriter der oder die Erste zu sein, der bei einem Ereignis Stimmen von vor Ort einholt – und zwar nicht nur vom Portier des Hotels oder Zeitungsverkäufer gegenüber, sondern von den Menschen, die wirklich betroffen sind.

Globales Journalistennetzwerk: ist das nicht eigentlich ziemlich schwierig umzusetzen? In Deutschland herrschen ganz andere Bedingungen als z.B. in Osteuropa, Afrika oder China. Mancherorts ist das Thema Presse- und Meinungsfreiheit eher schwierig. Bringt Euch das in der Konzeptions- und Entwicklungsphase des Netzwerkes Probleme?

Sandra: Es stimmt, dass Journalisten in anderen Ländern, Regionen oder auf anderen Kontinenten oft anders organisiert sind. Das Schöne ist jedoch, dass wir durch unser jn-Netzwerk und all die weiteren Netzwerke, in denen jn-Mitglieder organisiert sind, bereits sehr international aufgestellt sind. Hinzu kommen unsere Partner, die uns bereist jetzt in ihren Netzwerken ins Gespräch bringen. hostwriter funktioniert nach dem Schneeballprinzip: Jeder kann neue Mitglieder motivieren oder seine eigene Organisation zum offiziellen Partner machen. Unsere ambassadors – Botschafter, die hostwriter in ihrem Land und ihren Organisationen vorstellen – haben hier schon sehr viel wertvolle Arbeit geleistet. Wir sind noch nicht online, aber schon global vernetzt.

Hostwriter wurde als gemeinnützige Gesellschaft gegründet. Mit dem Projekt könnte man doch sicherlich gut Geld verdienen. Warum diese Entscheidung?

Sandra: hostwriter.org soll zur Demokratisierung und Chancengleichheit beitragen. Wir wollen niemandem den Zugang verweigern, indem wir eine finanzielle Hürde setzen. Im Gegenteil: hostwriter soll ökonomische Hürden abbauen. Der Ausdruck ist leider so strapaziert, trifft aber zu: Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam machen wir die besten Geschichten.

Bei der Recherche zum Projekt tauchen Stiftungen als Finanziers des Projektes auf. Auch konnte hostwriter bereits vor seiner eigentlichen Gründung Erfolge einheimsen. Die öffentliche Wahrnehmung des Projektes ist – zumindest in Journalistenkreisen – durchaus vorhanden. Nur die Vorfreude oder kann hostwriter dies auch über den Mai hinaus (und vor allem auch in anderen Ländern) auch zukünftig für sich nutzen? Wie ist hierzu der Plan?

Sandra: Am Ende wird hostwriter.org natürlich daran gemessen werden, wieviele Kollegen sich anmelden und entsprechend, ob man die- oder denjenigen findet, die oder den man sucht. Organisationen, die bereits jetzt unsere Partner sind, werden zum Launch ihre Mitglieder auffordern, sich bei hostwriter anzumelden und die Beta-Version mit uns zu testen. Zudem stimmt uns die Tatsache optimistisch, dass wir – wie bereist beschrieben –  schon jetzt ein globales Netzwerk aufgebaut haben. Jeden Tag werden es mehr Interessenten. Wenn sie den Schritt zur Anmeldung gehen, wird hostwriter funktionieren.

Danke für das Gespräch und Euch viel Glück bei Hostwriter. Ich jedenfalls bin gerne dabei und würde mich natürlich über eine Einladung zum Projektstart freuen.

 

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